Panschwitz-Kuckau, Samstag, den 15.10.2011
Der Ćišinski-Preis 2011 der Stiftung für das sorbische Volk wird dem sorbischen Dichter-Schriftsteller und Publizisten Benedikt Dyrlich (Jahrgang 1950) aus Bautzen verliehen. Das entschied das Kuratorium zur Vergabe des Ćišinski-Preises auf seiner Sitzung am 4. Juli 2011 in Bautzen. Dyrlich gehört zu den bedeutendsten sorbischen Dichtern der Gegenwart. Beispielgebend sind seine Bemühungen um die Bekanntmachung sorbischer Lyrik aus Vergangenheit und Gegenwart in und außerhalb der Lausitz, vor allem im slawischen Ausland.
Der Ćišinski-Preis wird alle zwei Jahre im Rahmen einer Festveranstaltung im Roten Saal des Klosters St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau feierlich verliehen. Im Andenken an den Klassiker der sorbischen Literatur Jakub Bart-Ćišinski (1852–1909) werden alle zwei Jahre herausragende Leistungen auf dem Gebiet der sorbischen Kultur, Kunst und Wissenschaft gewürdigt.
Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst Prof. Sabine von Schorlemer würdigte den Preisträger für sein Engagement für die sorbische Kultur und Sprache.
Der sorbische Dichter Benedikt Dyrlich stellt sich bewusst in die lange Reihe von Landsleuten, die seit der nationalen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert Verantwortung für ihr Volk übernommen haben. Wie Smoler, Ćišinski, Skala oder Chěžka stützt er sich auf seinen historisch-geografischen Ursprung und Standort in der zweisprachigen Lausitz. Dieser vieldimensionale Raum erlaubt es ihm, die Vergangenheit gegenwärtig und die Gegenwart geschichtlich zu sehen. Ein Sorbe kann sich auf seine ethnische Tradition unbefangen berufen, sie funktioniert als Wertpotenzial ungebrochen und bereichert zweifellos die europäische Kultur. Auf der Suche nach der eigenen Identität ging der Student vor 40 Jahren aus von der Mythologie, der Natur und der Geschichte seiner realen Heimat, die auch seine poetische Heimat wurde.
Benedikt Dyrlich wurde am 21. April 1950 als zweites von sechs Kindern eines Kleinbauern, Tischlers und Holzschnitzers in Neudörfel/Nowa Wjeska bei Kamenz geboren. Nach der Grundschule im nahen Räckelwitz/Worklecy war er mit 14 Jahren Zögling des Bischöflichen Vorseminars in Schöneiche bei Berlin. Von 1968 bis 1970 studierte er in Erfurt katholische Theologie bis zu ersten Hauptprüfung. Ende der 70er-Jahre absolvierte er in Leipzig ein Studium der Theaterwissen¬schaften, danach war er am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen als Dramaturg, später auch als Leiter des Kinder- und Jungend¬theaters tätig. Dyrlichs erstes Gedicht, ein Marienlied, wurde 1967 in einer Zeitung gedruckt, sein erster Band, „Zelene hubki“ (Grüne Küsse), erschien 1975 im Domowina-Verlag. Inzwischen liegen zehn Gedichtsammlungen vor, sieben in obersorbischer und drei in deutscher Sprache. Hinzu kommen zahlreiche Übertragungen, vor allem ins Polnische, Ukrainische, Tschechische, Slowakische und Russische. Dyrlich ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
Schon den jungen Lyriker „trieb stets die eine Unruhe“: das Verlangen, die Welt im Innersten zu erkennen und die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Das literarische Erbe von Männern wie Augustinus, Novalis, Rilke oder Hermann Hesse trug dazu bei, sich nach der sorbischen auch die deutsche Kultur zu erschließen. Ab 1968 gehörte Dyrlich zu dem von Kito Lorenc geleiteten Kreis junger Autoren beim sorbischen Arbeitskreis im Schriftsteller-verband der DDR. Gegen eine abgeschottete, oberflächliche, heuchlerische Gesellschaft setzte er sich mit bildhaften künstlerischen Äußerungen zur Wehr: „Ich bleibe da, wo / mich diese Welt am wütendsten zerreißt.“ („Entwurf eines Gedichts“, 1975)
Wie schon sein erster Gedichtband belegt, verspürte Dyrlich frühzeitig das Bedürfnis, den Alltag zu überschreiten. Den jähen Wendungen in seiner Biografie folgten vielfältige Erfahrungen aus den verschiedensten Bereichen. Die Legenden der Lausitzer Heimat wurden zum Lößboden, auf dem poetische Metaphern mit universeller Bedeutung gediehen. Einige Finessen lernte der Autor bei Klassikern der sorbischen, deutschen und internationalen Literatur; gerade die Offenheit für andere slawische Kulturen, anfangs besonders die polnische, sollte sich auszahlen. (Zugleich bot sie dem latenten Misstrauen des Sicherheitsapparats Nahrung.)
Das zweite Bändchen, „Třeće wóčko“ (Das dritte Auge, 1978) stand im Zeichen der Kontinuität. Dyrlich gründete seine Gedichte, in denen er den Reim strikt vermied, auf alltäglichen Begebenheiten. In dem schmalen Band Liebes-gedichte „Nocakowanje“ (Nachtschwärmerei, 1980) überwog die Freude am originellen literarischen Bild, am gewagten Vergleich. Mitte der 80er-Jahre aber trat der Lyriker plötzlich in die Fußstapfen berühmter Vorgänger, die ihr höchstes Ziel in der Weckung und Wahrung nationalen Bewusstseins bei den Sorben gesehen hatten. Der Untertitel der vierten Auswahl „W paslach“ (In der Falle, 1986) wies auf die Neuerung hin: „Gedichte und lyrische Prosa“. Dyrlich hatte damit eine Gattung gewonnen, die es ihm gestattete, über soziale und politische Widersprüche, über die prekäre deutsch-sorbische Geschichte zu reflektieren. In der Prosa dominierte ein Duktus von Überredung, Mahnung, Aufforderung, Appell. Weil die sorbische Substanz an einigen Stellen zu bröckeln drohte, wollte der Dichter sie mit seinen Mitteln stärken. Bis heute hält er es für unmöglich, sorbische Identität auf längere Sicht ganz ohne Gründung an die Sprache zu bewahren.
Den Schritt von der Beobachtung zur Tat machte Dyrlich vor 30 Jahren. Das Erfinden von Geschichten genügte ihm nicht mehr. Nach eigener Aussage steckte er in der dialektischen Spannung zwischen „fliegen“ und „wurzeln“. Er begann Erzählungen für Erwachsene und Kinder zu schreiben, übersetzte Bühnenstücke sowie zwei Bücher des Alten Testaments, gab sorbische Lyrik heraus. Eine grundlegende Anregung holte er sich von draußen, aus Russland. Es war die Idee, Lyrik als Festival vorzuführen. Seit 1979 hat Dyrlich ohne Unter-brechung die jährlichen Feste der sorbischen Poesie organisiert, die inzwischen – soeben endete das 33. – internationalen Charakter haben und die qualitative Gleichstellung der sorbischen Literatur im mitteleuropäischen Rahmen beweisen. Die kulturelle Energie des kleinen slawischen Volkes braucht Menschen, die sie im größeren Kontext kämpferisch zur Wirkung bringen.
Während der politischen Wende engagierte sich Benedikt Dyrlich in der Sorbischen Volksversammlung, später in der SPD. Gestützt auf eine demokra-tische Partei, schien das Bemühen um die Sicherung sorbischer Interessen aussichtsreich. Im Herbst 1990 wurde er für vier Jahre in den Sächsischen Landtag gewählt, er wurde kultur- und medienpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Der Schriftsteller setzte sich mit Erfolg ein für die Rettung des sächsischen Dorfes Klitten/Klětno vor der Braunkohle, er sprach als Erster öffentlich gegen die drohende Abbaggerung des brandenburgischen Dorfes Horno/Rogow. Anfang 1994 wurde er ins Schattenkabinett einer eventuellen SPD-Regierung für Sachsen aufgenommen, doch im Herbst schied er aus dem Landtag aus. Doch er blieb eine Kämpfernatur. Von 1995 bis 2011 war er Chef-redakteur der sorbischen Tageszeitung „Serbske Nowiny“, seit 1996 zugleich Vorsitzender des Sorbischen Künstlerbundes mit über 100 Mitgliedern. Ein Verkehrsunfall zwang den bedingungslosen Optimisten zur Aufgabe seines Berufs und einiger Funktionen.
Dyrlich zählt zu den bedeutendsten sorbischen Schriftstellern der Epoche nach 1945. Er hat der Kultur seines Volkes dauerhafte Impulse verliehen, sein Name fehlt weder in sorbischen noch deutschen Lyrikanthologien unserer Zeit. Er hat einmal in einem Interview bemerkt, dass seine – der Form nach unausgeglichene – Dichtung dem Publikum bei der Rezeption oft große Schwierigkeiten mache. Doch das zeitgenössische Publikum ist bereit, solche künstlerischen Schwierigkeiten auf sich zu nehmen. Es erwartet noch viel vom Ćišinski-Preisträger Benedikt Dyrlich.
Dietrich Scholze-Šołta
Panschwitz-Kuckau, Kloster St. Marienstern,
15. Oktober 2011
Dankesworte zur Verleihung des Ćišinski-Preises
Es ist für mich eine große Ehre, dass mir ein Preis verliehen wird, der den Namen Jakub Bart-Ćišinski trägt. Ich danke allen, vor allem Mitgliedern des Sorbischen Künstlerbundes und den Kuratoren, die mich für diesen Preis vorgeschlagen und ausgewählt haben.
Gestatten Sie, meine Damen und Herren, dass ich einige Gedanken zum Ausdruck bringe, die mich im Zusammenhang mit der Poesie und dem Wirken des Klassikers der sorbischen Literatur schon länger bewegen. Ich habe meine kurze Rede mit “Nachdenken mit Ćišinski” überschrieben und in sechs Segmente unterteilt:
1
Im Frühjahr 1966 – damals war ich 16 Jahre alt und Schüler des vierjährigen Bischöflichen Seminars in Schöneiche bei Berlin – schenkte mir Kuratus Měrćin Salowski auf der Pfarrei in Wittichenau bei Hoyerswerda eine Gedichtsammlung des Dichters Jósef Nowak mit dem Titel „Ungeteiltes Herz“. In Wittichenau hatten wir junge Sorben, die sich außerhalb der engeren Heimat auf das Studium der Theologie in Erfurt vorbereiteten, und sorbische Studenten, die dort schon das Studium absolvierten, ein zweiwöchentliches sorabistisches Seminar.
In der Gedichtsammlung von Jósef Nowak fand ich ein Gedicht zum hundertsten Geburtstag von Jakub Bart-Ćišinski, in dem es unter anderem heißt:
Leihe mir deiner Harfe nur eine Saite, damit ich einst singen kann wie du. (wörtliche Übersetzung)
Diese Faszination Jósef Nowaks Ćišinski - Nowak war wie zuvor Ćišinski Zögling des Wendischen Seminars in Prag - hat mich überaus beeindruckt, schließlich hat sie mir bestätigt, was ich zwei Jahre zuvor selbst erfahren habe, als ich auf dem Feldrain in der Nähe des Klosterwassers in Neudörfel, dem Ort meiner Kindheit, das Gedicht „Formy“ von Jakub Bart-Ćišinski las:
Ich spiele gern mit der Form im Reich der Lieder,
ich wecke Zauber, spiele den Worten Tänze vor,
ich küsse die Blüten, bitte die Melodien im Mai,
ich hege den Reim und den Rhythmus im sorbischen Land. (wörtliche Übersetzung)
Solch eine meisterhaft geschliffene, majestätische und gleichzeitig melodische sorbische Poesie, die sich kaum in eine andere Sprache übertragen lässt, klang einfach, sie hat mich als Vierzehnjährigen verzaubert. Neben meinen Eltern, die mir die prosaische Alltagssprache beigebracht haben, hat mir Ćišinski die Melodik meiner Muttersprache zu entdecken geholfen. Jakub Bart-Ćišinski hat unsere Sprache enorm entwickelt, verschönert und aufgewertet, hat sie auf Höhen geschraubt, die in ganz Europa zu erkennen wären, wenn nicht im 20. Jahrhundert nebulöse Vorurteile und kulturelle Überheblichkeiten aus dem Westen die Sicht in Richtung Osten und Süden versperren würden. Ich fürchte, dieser Nebel belastet immer noch unseren Kontinent, auch Deutschland. Dabei ist Ćišinski mehr als der Begründer einer schönen sowie wohllautenden und kräftigen Sprache, ist er mehr als ein pfiffiger Schmied der aus der Muttersprache elegante Reime schlägt und schweißt.
In einem weiteren Gedicht bezeichnet Jósef Nowak seinen Lehrer und Förderer gar als einen „sorbischen Homer“, der mit den „Kräften eines Faust für sorbische Rechte“ gekämpft hat. Ja, Jakub Bart-Ćisinski hat nicht nur unsere Sprache zu moderner Klassik entwickelt, er hat mit unserer Sprache auch zur Verteidigung der eigenen Traditionen aufgerufen, zum gezielten Studium der eigenen Geschichte. Ćišinski hat selbst versucht öffentlich, ja politisch tätig zu werden: Er hat das sorbische nationale Theater gegründet, hat sich in Vereinen engagiert, hat das erste sorbische Epos und den ersten sorbischen Roman geschrieben, er hat Weltliteratur ins Sorbische übersetzt und sich immer wieder in Zeitschriften und in Versammlungen zu Wort gemeldet - mit dem Anspruch, wie er ihn in seinem „sorbischen Bekenntnis“ als 35-jähriger artikuliert hat:
Es ist nicht gutzuheißen, dass der Dichter nur nach unten blicken und sich neigen solle, umgekehrt: Zu sich selbst das Volk emporzuheben sein Bestreben sei…
2
Bei all meiner Begeisterung für die ungewöhnlich sanfte und kämpferische Sprache konnte und kann ich auch heute einer Frage nicht ausweichen:
Weshalb interessiert uns Sorben unser wichtigster Dichter so wenig? Weshalb setzen wir uns kaum mit der Dichtung und seinem Werk auseinander?
Vielleicht liegt es daran, dass Ćišinski vielen deshalb fremd geblieben ist, weil in der Schule stets zu viel Patriotismus in Verbindung mit Ćišinski hervorgehoben wurde.
Es könnte aber auch sein, dass wir der Sprache und den Botschaften von Ćišinski noch aus einem ganz anderen Grund ausweichen:
In einem Großteil seiner Gedichte hält uns der Dichter Spiegel unbehaglicher, ja peinlicher Wahrheiten vors Gesicht.
Ćišinski leidet fortwährend in seinen Gedichten, er leidet insbesondere unter der geistigen und nationalen Gleichgültigkeit, unter der kulturellen und geschichtlichen Ungebildetheit und Beschränktheit vieler Sorben. Er leidet darunter, weil sich die Mehrheit seiner Zeitgenossen neuen Entwicklungen nicht anschließen will. Ihn schmerzt, weil das sorbische Kulturleben träge, verschlossen, ja borniert, zerstückelt und genügsam wirkt.
Um im bildhaften Denken von Ćišinski zu bleiben:
Der Dichter sieht, wie Stürme und Wellen des Meeres Helgoland bedrohen, doch die Insel schlummert, ja schläft.
Gegen dieses Joch schreibt er an. Besonders die lethargische „nationale Elite“ geht Ćišinski auf die Nerven. Schreibend rechnet er ab mit den vielen halbgebildeten Lehrern und Geistlichen, auch Publizisten und Wissenschaftlern, mit allen seinen Landsleuten, die sich den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten unterwerfen, die ihr eigenes Gewissen, ihre eigene Sprache für Geld und Karriere opfern.
Ćišinski fühlt sich unverstanden, ja gejagt von wilden Hunden. Ihn treiben Wut und Trauer schon in jungen Jahren. Später bedrückt ihn eine verrückte Ohnmacht, die ihn fast zermürbt und ihn an die Abgründe von Alkohol und Depression drückt. Dabei hat Ćišinski sein hitziges Leid immer wieder in Verse ummünzen können, die auch das Herz ergreifen und Zuversicht wecken. Mit seinen Liebesgedichten hat er das Thema der Zweisamkeit in unserer Literaturlandschaft sinnig und heftig verfeinert – und damit diese Art der Poesie revolutioniert.
Kito Lorenc hat wohl am markantensten den national-kämpferischen Anspruch und zugleich die bedrückte und gefühlvolle Stimmung in der Poesie von Jakub Bart-Ćišinski formuliert - und das schon in Zeiten der DDR, im Jahre 1981, als er im „Sorbischen Lesebuch“, erschienen im Leipziger Verlag Reclam, über Ćišinski schrieb:
Mit seinem Gesamtwerk trug Ćišinski wesentlich zur Herausbildung der modernen obersorbischen Schriftsprache bei. Er ist insbesondere der Schöpfer einer allen Regungen der menschlichen Seele fügsamen Vers- und Literatursprache, die – vor allem über Mina Witkojc – auch auf das Niedersorbische traditionsbildend ausstrahlen sollte.
3
In meinem ersten 1970 in der Zeitschrift Rozhlad veröffentlichten Gedicht auf Jakub Bart-Ćišinski versuchte ich mit einem gewissen Pathos den Geist des jungen Ćišinski herbeizurufen. 1983 schrieb ich dann in einem Gedicht, erneut Ćišinski gewidmet, ziemlich nüchtern:
Bart hat sein warmes Eckchen: hat Ruhe.
Hat Ruhe mit sich – und uns.
Hat sattsame Ruhe mit den Saturierten unseres Jahrhunderts…
Damals, als ich das Gedicht „Ćišinski, der Stille“ schrieb, fragte ich mich oft, weshalb sind so manchem Sorben seine Sprache und seine sorbische und deutsch-sorbische Kultur egal. Als Dramaturg am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen fragte ich mich, weshalb viele meiner Kolleginnen und Kollegen, die in sorbischen Institutionen arbeiten, mit ihren Kindern nicht sorbisch sprechen oder sie nicht zweisprachig erziehen?
Auch heute frage ich mich immer noch: Weshalb haben wir Ćišinski mehr oder weniger verstoßen und ausgestoßen aus unserem literarischen und öffentlichen Bewusstsein? Vielleicht fürchten wir uns vor Ćišinski, weil wir uns noch immer nicht der muttersprachlichen Laschheit und kulturellen Lauheit entledigt haben? Vielleicht fürchten wir die Spiegel, welche uns erinnern, dass wir uns in unserer erkämpften Freiheit weiterhin so verhalten wie Untergebene, denen eine Obrigkeit diktiert, was sie zu tun oder nicht zu tun haben? Immer noch verleugnen viele Sorben sich und ihre Wurzeln.
Ja, noch schlimmer blitzt es uns aus den Spiegeln Ćišinskis entgegen:
Obwohl heute keine Partei, keine Stasi, keine „rote“ Domowina niemanden mehr zwingen kann, dass er den Mund hält, ist manch einer stumm wie ein Fisch, wenn es um den Erhalt unserer im 20. Jahrhundert erkämpften Kultur- und Bildungseinrichtungen geht, wenn es um den Erhalt und die Selbstständigkeit unseres einzigen Verlages geht, um die Unabhängigkeit sorbischer Medien.
Ćišinski litt darunter, dass wir kein bewusstes Volk sind, sondern ein Volk von Angsthasen und artigen Schäfchen.
Sind wir noch immer eine unterwürfige, in sich zerrissene Gemeinschaft, obwohl uns alle politischen Kräfte 1992 in den Verfassungen des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg als Volk anerkannt haben? Ja, wir sind ein Volk! Davon war Ćišinski überzeugt, deshalb hat er so viel über das sorbische Volk gesprochen und geschrieben.Wenn aber wir ein Volk mit eigener Sprache und Kultur sind, weshalb unterstützen wir dann nicht beherzter die Bemühungen um eine demokratisch gewählte Vertretung unseres Volkes?
Nur eine legitimierte Volksvertretung kann im Namen aller sprechen und handeln, die sich als Sorben bekennen. Deshalb brauchen wir eine sorbische Volksvertretung.
4
Ćišinski versuchte, die sprachlich, konfessionell und territorial zerstückelte sorbische Wirklichkeit seiner Zeit, mit seinem Grenzen überschreitenden Programm, mit seiner jungsorbischen Bewegung und Schaffenskraft zu überwinden. Er wusste, dass wir einzig und allein mit unserem Schrifttum und unserer Kunst bestehen und zeigen können, was und wer wir sind. Der Dichter hat mit seinem Schaffen und Wirken uns und unseren deutschen und slawischen Nachbarn gezeigt, wie viel Humanismus und Schöpferkraft sich im sorbischen Volk verbergen. Der Dichter hat wie kein anderer Sorbe die Pforten der Lausitz nach Europa geöffnet, ihm gelang es, die Literatur Puschkins, Goethes, Mickiewicz und anderer großer Autoren und Künstler im Kulturraum der Lausitz zu verankern.
Gerade deshalb sollten wir wieder und überhaupt mehr stolz sein auf Ćišinski!
In Kamenz haben wir ein vom Bund und von Sachsen großzügig gefördertes und modern ausgestattetes Lessingmuseum. In diesem kann der Besucher einen vorzüglichen Einblick in das Wirken und Handeln des herausragenden deutschen Dichters und Aufklärers bekommen, dessen Vater noch sorbisch predigte. Ich schlage vor, dass wir hier in Panschwitz-Kuckau ein nationales Ćišinski-Museum errichten, auf der Liegenschaft der geschlossenen sorbischen Mittelschule, die den Namen Jakub Bart-Ćišinski trug. Dieses Museum sollte allen Sorben, unseren nächsten Nachbarn als Begegnungsstätte offen sein, allen Menschen, die mehr über die Literatur und Kultur des kleinsten slawischen Volkes erfahren möchten, als es heute möglich ist.
Ich denke, wir sollten über so ein Vorhaben im Geburtsort von Jakub Bart- Ćišinski ernsthaft ins Gespräch treten. Schließlich besuchen viele Touristen Panschwitz-Kuckau mit seinem altehrwürdigen Kloster. Weshalb sollten viele dieser Besucher auch nicht ein Ćišinski-Museum besuchen, wenn sie hierher kommen?
Lessing und Ćišinski, beide Dichter dieser Region, sind eine Chance für eine neue Gemeinschaft zwischen Sorben, Deutschen, Tschechen und Polen, für einen Austausch von katholischen, lutherischen und aufklärerischen Traditionen.
5
Weil sich Ćišinski so stark einbinden ließ ins Leben, obwohl er von der Kirche und auch mit Hilfe einiger Sorben aus dem Sorbenland verjagt wurde, hat er in unserer Sprache einen wirklichen Schatz, an sich schon wertvoll, geschaffen. Es ist nicht nur ein Schatz von und für Sorben, sondern für alle Bürger Europas. Genau deshalb ist es wichtig, dass wir Ćišinski und auch weitere hervorragende Traditionen der sorbischen Dichtung, ja des gesamten Schrifttums, nicht in heimische Nischen verweisen. Wir müssen unsere Literatur sorbisch, deutsch und in anderen Sprachen verlegen und verbreiten helfen.
Wir brauchen deshalb dringend einen Fond für die Übersetzung der sorbischen klassischen und der neuen schönen und Fachliteratur vor allem in slawische Sprachen. Unter unseren slawischen Nachbarn stecken Potentiale für eine europäische Rezeption von Ćišinski und vielen anderen sorbischen Literaten und Künstlern. Auch das Interesse für unsere Geschichte in Verbindung mit der europäischen Geschichte ist gegeben. Sorbische Literatur und Kunst sollten vor allem unsere Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen stärker als bisher über die politischen Grenzen des Freistaates Sachsen und des Landes Brandenburg hinweg anbieten, vor allem in Niederschlesien und Nordböhmen. Dafür ist selbstverständlich eine angemessene Förderung notwendig.
Derzeit unterstützen Sachsen, Brandenburg und der Bund die sorbischen kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen mit einem Betrag, der nicht einmal die Fördersumme eines mittleren Mehrspartentheaters in Deutschland erreicht. Das ist mehr als dürftig. Das ist mehr als beschähmend.
Es freut mich sehr, dass sich – wie ich heute früh in der Zeitung gelesen habe - der Parlamentarische Beirat der Stiftung für das sorbische Volk für die Erhöhung der Stiftungsgelder und zugleich gegen Fusionen und damit auch gegen die Liquidierung des sorbischen Verlages ausgesprochen hat.
In diesem Zusammenhang sei aber auch gesagt, was der Anspruch des jungen Ćišinski und all der sorbischen Patrioten gewesen ist, die 1912 den Dachverband eigenständiger Vereine gegründet haben: Das sorbische Volk ist auf starke zivilgesellschaftlichen Kräfte angewiesen, das heißt auf unterschiedliche Initiativen, die aus der Basis sowie aus persönlichen und Gruppeninteressen heraus kulturelle Projekte entwickeln und verwirklichen. Wir brauchen eine freie Kulturszene.
Leider ist das System der kulturellen Förderung des sorbischen Volkes verknöchert und einseitig auf die Institutionen ausgerichtet. Die ehrenamtlich tätigen regionalen und überregionalen Vereine sind schon seit zwei Jahrzehnten aus einer nachhaltigen Förderung ausgegrenzt. Zudem belasten familiäre und berufliche Abhängigkeiten die Verwaltungen und gewählten Gremien der Stiftung für das sorbische Volk und der zentralen Domowina. Es mangelt am kulturpolitischen Dialog, vernünftiger Überlegung und Transparenz in Verbindung mit der Förderung.
Ich möchte erinnern an eine Aussage des jungen Ćišinski im Jahr 1877:
Der Träger sorbischer Kultur und Literatur war und wird immer die ganze sorbische Nation sein und nicht nur eine kleine Schar Gebildeter.
Über diese Aussage, über ihre Aktualität, müssten wir uns den Kopf zerbrechen. Nicht nur die Domowina und die sorbische Stiftung.
Auch der öffentliche sorbische Rundfunk. MDR und RBB könnten, ja müssten mehr Aufmerksamkeit der sorbischen klassischen, aber auch der neuen Literatur und Kunst widmen. Der Sorbische Künstlerbund weist schon jahrelang auf die Notwendigkeit einer wöchentlichen zweisprachigen Feuilleton-Stunde auf den Kulturwellen von MDR und RBB hin.
Auch wirkungsvolle sorbische und zweisprachige Angebote im Internet sollten die genannten Sender zusammen mit den Redaktionen Serbske Nowiny und des Nowy Casnik entwickeln und anbieten können. Das habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder vorgeschlagen.
6
Zu Beginn erwähnte ich, wie ich als Vierzehnjähriger überaus begeistert zu Hause im Garten die Gedichte von Ćišinski las.
Wie aber kam es dazu, dass ich mich mit vierzehn Jahren von der Sprache und Poesie Ćišinskis mitreißen ließ?
Das hat seinen Hintergrund:
Auf der Sorbischen polytechnischen Oberschule in Räckelwitz hatte ich im Fach Sorbisch ab der 5. Klasse eine damals ziemlich junge Lehrerin, welche die pädagogischen Zügel etwas locker ließ, wenn es zum Beispiel um die Rezitation des bekannten Gedichtes „Positive Arbeit“ von Ćišinski ging.
Meine Lehrerin sagte immer wieder, als sie Hinweise für den Vortrag gab: „Wichtig ist, dass euch, wenn ihr aus dem Kopf rezitiert, der Klang der Worte und Wendungen gefällt. Die Sprache soll klingen, im Rhythmus schwingen. Wenn ihr beim Vortrag mal stolpert oder sogar stecken bleibt, dann ist das nicht schlimm!“
So eine Pädagogik war damals nicht selbstverständlich. Die Folge aber war, dass dieser Umgang mit Ćišinski unterhaltsam war. Einen solch unterhaltenden und Freude bewirkenden Umgang würde ich mir heute an allen unseren sorbischen und zweisprachigen Bildungseinrichtungen wünschen.
In diesem Sinne danke ich allen Erziehern, die immer noch oder wieder ihren Zöglingen auch mit Ćišinski Lust und Interesse an sorbischer Literatur und Kunst vermitteln.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Benedikt Dyrlich Panschwitz-Kuckau, den 15. 10. 2011