.
deutsch obersorbisch
 

aktualne zarjadowanje - aktuelle Veranstaltung

Presseinformation
Sorbisch-serbische Literaturbeziehenungen haben eine lange Tradition:
Lyriksammlung von Benedikt Dyrlich in Belgrad erschienen
 

Belgrad/Bautzen. In dem rennomierten und traditionellen Belgrader Verlag “Serbska knijschewna sadruga” (Serbische Literaturgenossenschaft) ist eine Auswahl der Poesie von Benedikt Dyrlich in sorbischer und serbischer Sprache unter dem Titel “Janske nocy/Iwanske notschi” (Johannisnächte) erschienen (ISBN 978-86-379-1321-4). In einem Nachwort würdigt der namahafte Dichter, Nachdichter sowie der Chefredakteur der “Knijschewne nowiny” (Literaturzeitschrift) Mićo Cvijetić Leben und Schaffen des sorbischen Dichters und Publizisten. U.a. wertet Cvijetić Dyrlichs Lyrik aus mehr als vier Jahrzehnten mit folgenden Worten:
“Benedikt Dyrlich hat mit rationeller Nüchternheit und Zurückhaltung von Gefühlen, aber auch mit einer verletzten Seele ein raffiniertes Psychogramm geschaffen, durchbrochen mit kollektiven und persönlichen Erfahrungen. Das Sorbentum und die Lausitz sind seine große Liebe und sein unheimlicher Schmerz.“
Literarische, wissenschaftliche und kulturelle Kontakte zwischen Serben und Sorben gibt es seit Anfang des 19. Jahrunderts. Immer wieder sind auch Sammlungen sorbischer Dichtung in Serbien erschienen, zuletzt 2013 eine Anthologie neue sorbischer Dichtung in Smederevo. Serbische Dichter nehmen regelmäßig an den jährlichen internationalen Festen der sorbischen Poesie in der Lausitz teil.
Im vergangenen Jahrzehnt hat sich vor allem der Sorbische Künstlerbund e. V. um verstärkte Kontakte zu Autoren in Serbien, aber auch in Deutschland (Frankfurt am Main) bemüht.

 

38. MJEZYNARODNY SWJEDŹEŃ SERBSKEJE POEZIJE/38. INTERNATIONALES FEST DER SORBISCHEN POESIE

 

Verständigung auf slawische Art
Poesie für alle!

Das internationale Fest der sorbischen Poesie hat Geschichte gemacht. Wenn so eine aufwendige Veranstaltung bereits zum 38. Mal stattfindet, kann man das so sagen. In großer Beharrlichkeit widmen sich die Teilnehmenden einem großen Ziel: Den Schatz der traditionellen und der heutigen slawischen Kunst zu zelebrieren, bekannt zu machen, zu fördern und zu würdigen. Alle Mühen eines solchen Unterfangens nichtachtend, hat der Bautzener Schriftsteller Benedikt Dyrlich zusammen mit der Projektmanagerin Janka Rögnerowa und ehrenamtlichen Aktiven des Sorbischen Künstlerbundes wieder ein Fest organisiert, das alle Beteiligten nicht vergessen werden. Nur zwei von vielen bewegenden Veranstaltungen seien hier kurz beschrieben.

„Bautzener Poesienacht – weltoffen und fremdenfreundlich“ heißt das Treffen an der alten Wasserkunst in Bautzen, ein Rendezvous von Dichterinnen und Dichtern unter freiem Himmel, bei dem jede und jeder ein, zwei Arbeiten vorträgt, im besten Fall in zwei weitere slawische Sprachen übertragen. So lernt man sich kennen, wenn das nicht schon längst geschehen ist. Große Aufmerksamkeit und gebührender Beifall belohnen den Mut, etwas sehr eigenes, ganz Persönliches einer kenntnisreichen Öffentlichkeit zu präsentieren. Aus eigener Erfahrung gesprochen: Ein Gedicht, geschrieben mit hoher Konzentration und wichtigem Anliegen, aus dem Munde eines Übersetzers hören zu dürfen, ist ein kaum zu beschreibendes Gefühl. Da hat sich jemand die Mühe gemacht, fremden Gedanken zu folgen und sie in die eigene Sprache zu holen. Eigenes des Übersetzers fließt da mit ein. Für Schreibende eine ganz besondere Belohnung, ihre Werke in einer Sprache zu hören, die sie selbst gern besser beherrschen würden.

Zuhörende lernen, auch bei fremd klingenden Lauten aufmerksam zu lauschen: Hier und da kommen Worte vor, die Parallelen zum eigenen Wortschatz haben. Denn das ist das Bezeichnende an diesem Treffen: Sprachbarrieren scheint es nicht zu geben. Alle sprechen in ihrer Muttersprache und werden von den anderen zumeist verstanden. Wenn nicht, springt jemand ein und übersetzt. Und immer bleiben ein paar neue Worte hängen, die Verwandtschaft der Sprachen hilft dabei.

Es geht sehr respektvoll, fast ein bisschen förmlich zu an so einem Abend, und dennoch verschafft sich Spontanes sein Recht. Musikalische Grüße bereichern das Programm, nebenbei darf gegessen und getrunken werden. Und es gibt – erstmalig Urkunden und Medaillen. Übergeben an einzelne Künstler*innen, die sich nach Einschätzung der Kolleg*innen aus der Ukraine ganz besonders um die internationale Verständigung von Schreibenden verdient gemacht haben, mit Übersetzungen, Veröffentlichungen, Veranstaltungen und vor allem ihrem eigenen Werk. So Benedikt Dyrlich, Alfons Wicaz, Milan Hrabal, Beno Budar, Dorothea Scholze, Petr Kalina und andere. Leider nicht anwesend, aber in diesem Zusammenhang dabei: Abdelwahhab Azzawi, unser Dichterfreund aus Syrien, der inzwischen in Hessen lebt, nicht ganz freiwillig. Auch eins seiner Gedichte erklingt in Übersetzungen hier an der Wasserkunst.
Schön, wenn auch prominente Gäste kommen. Diesmal waren es der Oberbürgermeister von Bautzen, Alexander Ahrens und der Bürgermeister für Wirtschaft, Finanzen, Bildung und Soziales, Dr. Robert Böhmer. Zu hören, wie aufmerksam und kenntnisreich Politiker wahrnehmen, was für ein Kulturschatz hier gehütet und entwickelt wird, ist eine Freude. Da kommt nicht jemand vorbei, um ein beliebiges Grußwort abzuliefern. Da sind Persönlichkeiten nicht nur kurz anwesend, sondern mittendrin in einem einzigartigen Kulturereignis.

Am Samstag konnten die Poet*innen eine Premiere erleben. Den Rundgang zum Denkmal für Jan Arnost Smoler und zu den Bautzener Türmen, ausgedacht, vorbereitet und begleitet von Sebastian Benad, Andreas Throniker und Florian Brezan – man könnte sie alle Türmer von Bautzen nennen. Sie haben ein kleines Unternehmen gegründet, das sich frisches Marketing für ihre Lieblingsstadt auf die Fahnen geschrieben hat. Leider flattert diese Botschaft noch etwas ungesehen über der Stadt, aber was nicht ist, kann noch werden. Eine Kooperation mit der Stadtverwaltung ist angeboten, eine eigene funktioniert bestens.
Die Poetengemeinde bekam eine Kostprobe des Türmerundgangs und war überrascht von den Einblicken. Den Lauenturm, die Röhrscheidtbastei, den Nicolaiturm und die Gerberbastei zu betreten, ist – zumindest jetzt noch – ein Geheimtipp. Zusammen mit dem Künstlerbund haben die jungen Tourismusexperten Türen geöffnet, die sonst verschlossen sind und zeigen Verborgenes: interessante Räume, zu denen viele Treppen führen, gepflegte Ausstattung der alten, ehrwürdigen Mauern. Beeindruckend, wie engagiert diese jungen Leute von der Geschichte jedes Turmes und damit der Stadt Bautzen erzählen. Dann: Lesungen, Erinnerungen an die Altvorderen der sorbischen Kultur. Bezüge stellen sich her. Man kann die Historie der Stadt Bautzen nahezu anfassen, wenn man in ihren Türmen ihre die Geschichten erfährt. Jeder, der halbwegs gut zu Fuß ist und die vielen Stufen emporsteigen kann, wird für den Blick in die Stadtgeschichte und den grandiosen Ausblick über die Stadt hinaus genießen. Siebzehn Türme hat die Stadt. Fünf haben wir gesehen. Keiner, der sich nicht gewünscht hätte, auch die anderen noch zu besuchen. Muss ja nicht alles an einem Tag sein, auch nicht unbedingt bei 36° C. Aber die nächsten doch bitte beim 39. und 40. Festival.
An all diesen Stationen kamen noch einmal zwanzig Teilnehmende des Poesiefestivals zu Wort. Unter anderen auch Marion Kwicojc aus Leipzig, die oft aus ihren Dichtungen Lieder zaubert und in die Versammlung ebenso wie Tomas Nawka aus Bautzen und Dmitri Dragilew aus Berlin die Komponente der Musik einbringt. Ein Aspekt, der sich auszubauen lohnt, wie es scheint.
Wie oft haben wir in diesen Tagen gehört: Wutrobne djak! (Herzlichen Dank) Für einen Vortrag, für eine Übersetzung, für die Organisation des Festes, eine Einladung und einen neuen Kontakt. Das bleibt das Echo nach dieser einzigartigen Gemeinsamkeit, der Freude an Sprache und tiefgründiger Literatur, der Liebe zur Heimat - der eigenen und der entfernteren. Slawen haben ein besonderes Verständnis von Wurzeln und Flügeln. Bozemje, Ihr Lieben. Auf Wiedersehen zum nächsten Fest der sorbischen Poesie!

Christine Maria Ruby
Juli 2016
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 3.0 2010   Es ist 1 User online